Startseite
    Daily Brainfuck
    Short Stories
    Lyrik
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 


 
Links
   DER GESTRECKTE MITTELFINGER
   MATULA RECORDS
   FRONT
   JUNGLE WORLD
   WHERE THE WILD WORDS ARE
   THE RALF BLOG
   ENPUNKT BLOG
   HUMAN PARASIT
   KEN YAMAMOTO SPOKEN WORD POETRY

http://myblog.de/gelegenheitsjobsucher

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Unsere Ausländer

In einem seltenen Anflug von frühmorgentlicher Energie, schwang ich mich aus dem Bett und schmiss mich in meine Wohlfühlklamotten, um meiner Liebsten und mir ein delikates Frühstück am Bett zu kredenzen. Dieser Plan brachte es mit sich, das ich meinen Körper beschwingt 373 Treppenstufen nach unten schaffen und dann zielstrebig das nächstbeste Backhaus ansteuern musste. Am Backhaus angekommen, packte mir die Verkäuferin bereitwillig zwei Vollkornbrötchen, zwei Kaiser und zwei Croissants in eine große Papiertüte. Ich zahlte und verließ gut gelaunt die Bäckerei. An unserer Haustür angekommen, wurde ich schließlich Zeuge eines bizarren Schauspiels. Am Straßenrand, unserer um diese Zeit wenig befahrenen Straße, stand eine Rentnerin, eine Frau mittleren Alters mit ihrem circa fünfjährigen Sohn und ein migrantisch aussehender Mann, den ich auf Mitte Dreißig schätzte. Auf der Straße saß ein Vogelküken. Am Rand der Straße sind in jeweils circa 20m Abstand Bäume gepflanzt, um die sich jeweils eine kleine, umzäunte Grünfläche befindet.

Die Rentnerin sprach zu dem migrantisch aussehenden Mann: „Entschuldigen Sie, aber könnten Sie vielleicht so gut sein und das Küken von der Straße holen und auf die Grünfläche setzen?“ Während sie das sagte, zeigte sie mit ihrer rechten Hand auf die Grünfläche, die sich links von ihr befand. „Wissen sie, hier fahren die Autos immer so schnell und das arme Küken kann ja noch nicht fliegen und wenn da die Autos kommen, wird das noch tot gefahren,“ fügte sie noch erklärend hinzu. Der Mann schaute sie verwundert an, sagte dann aber „Wenn sie wollen“ und ging auf die Straße, natürlich nicht ohne sich vorher zu vergewissern, ob nicht ein Auto kommt. Er ging auf das Küken zu, welches leise pfiepste, als er es in seine linke Hand nahm. Dann bewegte er sich auf die Grünfläche, welche ihm die Rentnerin gezeigt hatte, zu und setzte dort das Küken behutsam auf den Boden.

„Vielen, vielen Dank junger Herr! Sie sind noch ein Mann vom alten Schlag!“ rief die Rentnerin dem Mann, nach Vollendung seiner tat, zu, dann drehte sich die Rentnerin zu der Frau mittleren Alters um und redete weiter: „Ein ganz feiner Kerl dieser Mann! Da fragt man zig Deutsche und keiner will einem helfen. Und dann fragt man einen Ausländer und der hilft einem sofort. Das muß man sich mal vorstellen. Aber wissen Sie, ich sage ja immer: Unsere Ausländer, auf die kann man sich verlassen. Unsere Ausländer sind die Besten!“ Die Frau mittleren Alters nickte verständnisvoll.

Unsere Ausländer, wer zum Teufel soll das bitte sein? Und warum? Hat dieses Land etwa die Leibeigenschaft wieder eingeführt und ich habe es nicht mitbekommen? Und warum sagt mir das niemand? Und warum sind ‚unsere Ausländer’ die Besten? Weil sie deutscher sind als ‚französische Ausländer? Welch perfide Form des Nationalismus ist denn das? Ist Deutschland jetzt nicht mehr nur das land der Dichter und Denker, sondern auch der besten Ausländer? Und was ist mit den deutschen Sangria- und Biersaufenden Ballermannprolls, die ihren Jahresurlaub auf Mallorca verbringen. Das sind doch aus Ausländer. Sind die schlechter als ‚unsere Ausländer’ die Vogelküken retten? Natürlich sind sie das, aber ist das der Rentnerin bewusst gewesen? Wollte sie etwa dies ausdrücken? Ich war ziemlich ratlos.

Ähnliches musste auch der migrantisch aussehende Mann gedacht haben, der immer noch vor der Grünfläche stand, denn nachdem die Rentnerin gesprochen und sich anschließend von der Frau mittleren Alters verabschiedet hatte und beide Frauen ihres Weges gingen, schaute er mich fragend an. Ich zuckte mit den Achseln und schaute ihn nicht weniger fragend an. Dann drehte ich mich um, öffnete die Haustür, erklomm die 373 Treppenstufen und kredenzte meiner Liebsten und mir ein äußerst delikates Frühstück.

8.1.07 13:34
 


bisher 0 Kommentar(e)     TrackBack-URL

Name:
Email:
Website:
E-Mail bei weiteren Kommentaren
Informationen speichern (Cookie)



 Smileys einfügen



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung